Autorinnen: Anne Ebert und Katharina Farys
Ethnografische Materialien sind komplex. Das ist ihre Stärke. Wer längere Zeit in Feldforschungskontexten verbracht hat, weiß, wie wenig im Vorhinein absehbar ist, dass viele Gespräche und Situationen sich erst spontan ergeben und es (im besten Fall) zu ganz neuen und unerwarteten Einsichten kommen kann. Statt mit vordefinierten Kategorien, gehen wir offen ins Feld. Für Forschende stellt diese „messiness“ den besonderen Wert ethnografischer Materialien dar. Herausforderungen entstehen jedoch, sobald diese als Forschungsdaten nach standardisierten Kriterien erfasst, zugänglich gemacht und geteilt werden sollen.
Seit einiger Zeit beschäftigen uns die aktuellen Diskurse und Entwicklungen rund um den nachhaltigen und verantwortungsvollen Umgang mit bereits bestehenden ethnografischen Forschungsmaterialien. In diesem Kontext liegt uns eine seit Mitte der 1970er Jahre aufgebaute ethnografische Privatsammlung aus Fotos, Ton- und Videoaufnahmen vor. In enger Zusammenarbeit mit der Besitzerin wollen wir die Sammlung digital erschließen. Technische Lösungen für die Digitalisierung und den langfristigen Erhalt der analogen Materialien konnten wir bereits identifizieren.
Als entscheidende Aufgabe erweist sich jedoch die inhaltliche Beschreibung der digitalisierten Daten. Ohne die Dokumentation ihrer Entstehungskontexte, Beziehungen und Inhalte bleiben diese für Dritte kaum verständlich. Sie drohen ihren wissenschaftlichen wie kulturellen Wert zu verlieren. Die Kernfrage lautet daher, wie können analoge ethnografische Materialien so erschlossen werden, dass sie über die ursprüngliche Forschungssituation hinaus als Wissen nutzbar bleiben? Unsere Auseinandersetzung mit dieser Frage zeigt: Eine private Sammlung lässt sich nicht einfach in ein teilbares Archiv überführen. Ihre digitale Erschließung setzt vielmehr neue Aushandlungs- und Wissensprozesse in Gang.
Die uns vorliegende ethnografische Dokumentation ist mehr als eine Sammlung von Materialien. Sie ist eine persönliche Forschungsleistung, die nur durch großen Einsatz und langjährige Hingabe der Wissenschaftlerin entstehen konnte. Die Transformation einer Privatsammlung in ein Archiv spiegelt ein tiefes Bedürfnis wider: das eigene Lebenswerk zu „retten“, es vor dem physischen Verfall und dem Vergessen zu bewahren. Zugleich soll etwas Beständiges entstehen, etwas, das über die eigene Forschung und das eigene Leben hinausreicht. Dadurch steht die Ethnologin von Beginn an im Mittelpunkt des Digitalisierungsprozesses.
Doch dieser Umstand birgt eine Ambivalenz: Die Materialien der über Jahrzehnte zusammengetragenen Sammlung sind für lokale Gemeinschaften sowohl als Dokumentation ihres kulturellen Erbes als auch für die Wissenschaft insgesamt bedeutsam. Allerdings handelt es sich um ein persönliches Arbeitsarchiv, mit einem historisch gewachsenen Dokumentationssystem. Bisher kann nur die Forscherin die Materialien zuordnen und den Kontext beschreiben.
Abb. 1 Beispiel aus der bisherigen Erschließung der Privatsammlung: Ausgangsmaterial der ethnografischen Sammlung (Foto: K. Farys, 2023).
Analoge Materialien digital zu erhalten, verspricht für die Forscherin auf den ersten Blick eine wirksame Absicherung gegen den Verlust ihres Lebenswerkes. Allerdings erzeugt die Digitalisierung auch eine Illusion des Bewahrens. Gelingt es nicht, die Wissensbestände der Forscherin in den Angaben zu den jeweiligen Materialien zu verankern und zu sichern, bleibt ihr Archiv ohne Gedächtnis zurück, ein Erbe ohne Erzählungen.
Gerade dieses Verknüpfen mit entsprechenden Informationen gestaltet sich jedoch als besonders anspruchsvoll. Dies liegt zunächst im Bedeutungswandel der Materialien. Die Aufnahmen wurden ursprünglich als Gedankenstützen angefertigt, um später erlebte und beobachtete Momente rekapitulieren und eigene Interpretationen belegen zu können. Obwohl sie anschließend gesichert wurden, waren sie nicht als Archiv konzipiert.
Zudem bilden viele der Materialien eine größere Dokumentationseinheit. Zu einem Ereignis existieren neben Fotos auch Ton- oder Videoaufnahmen, Feldnotizen mit persönlichen Eindrücken und spätere Erinnerungen in Interviews. Während digitale Archivsysteme diese Zusammenhänge gut abbilden können, sind sie in einer nach analogen Kategorien sortierten Sammlung nur schwer rekonstruierbar.
Abb. 2 Scannen der analog vorliegenden Negative (Foto: K. Farys, 2023).
Abb. 3 Beschreibung der gescannten und digitalisierten Negative (Foto: K. Farys, 2023)
Ferner sind diese Dokumente wiederum selbst Ausdruck von persönlichen Erfahrungen und Geschichten: von Begegnungen, Orten, Handlungen und dem langfristigen Aufbau von Vertrauen zu lokalen Partner:innen über Jahrzehnte hinweg. Genau diese Kontexte und Relationen ermöglichten einst, dass die Materialien entstehen konnten. Sie sind für die Ethnologin weit über reine Forschungsdokumente hinaus wertvolle Zeugnisse des Erlebten.
Aus dieser Perspektive werden die Herausforderungen der Beschreibung ethnografischer Materialien deutlich. Zu jeder einzelnen Aufnahme gibt es viel zu erzählen – mehr, als sich in standardisierten (Metadaten-)Kategorien und Schlagworten erfassen lässt. Auch wenn sich einiges über beigefügte Dokumente ergänzen ließe, erfordert deren Anfertigung Zeit und Ressourcen.
Damit rückt ein weiteres Problem in den Blick: die Notwendigkeit, die Materialien aus bekannten Beziehungen zu lösen und eine bewusste Auswahl nach neuen Kategorien zu treffen. Diese Prozesse setzen neue Dynamiken der Aushandlung und der Wissensbildung in Gang.
Dass Informationen, die über Jahrzehnte erworben wurden, digital verfügbar und potenziell einsehbar werden soll(t)en, wirft für uns auch die Frage nach dem Teilen auf. Die Materialien und die Erkenntnisse der Forscherin sind im Austausch mit lokalen Akteur:innen entstanden und beruhen auf ihren persönlichen Erfahrungen und Interpretationen. Bislang hatte die Forscherin nur über Lehrveranstaltungen und Workshops, Publikationen und Vorträge Einblicke in ihr Wissen gewährt. Die Entscheidungshoheit darüber, welche Informationen sie öffentlich zugänglich macht, lag wie eine schützende Hand über ihren Quellen und Gesprächspartner:innen.
Eröffnen wir möglichst vielen den Zugang zu den Materialien und den zugrundeliegenden Informationen, ergeben sich erhebliche Risiken. Lokale Akteur:innen könnten von einer möglichen Kommerzialisierung ihrer sensiblen und schützenswerten Wissensbestände betroffen sein. Uneingeschränkte Möglichkeiten der Weiterverarbeitung des Materials durch Dritte oder künstliche Intelligenz bergen die Gefahr, dass die Erhebungskontexte ebenso wie die Wissenschaftlerin unsichtbar werden. Ihre persönliche und wissenschaftliche Leistung sowie das Engagement der lokalen Akteur:innen könnten verschleiert oder gar verdrängt werden.
Diese schützende Hand über Materialien und Wissen behutsam zu öffnen, ist somit herausfordernd. Zugänge zu den Materialien müssen geregelt und insbesondere lokalen Akteur:innen und Gemeinschaften ermöglicht werden, ggf. auch durch die Umsetzung dezidiert lokaler Lösungen. Ebenso darf das Wirken von Ethnolog:innen nicht unkenntlich werden. Für ethisch vertretbare Entscheidungen braucht es daher eine fundierte gemeinsame Reflexion möglichst aller involvierter Akteur:innen und die Auswahl einer geeigneten Institution, die das digitale Archiv entsprechend beherbergt.
Der digitale Erhalt ethnografischer Privatsammlungen ist kein technisches Randproblem, sondern berührt zentrale Fragen ethnologischer Wissensweitergabe. Was sich an unserem Beispiel zeigt, dürfte zahlreiche – womöglich nahezu alle – derartigen Sammlungen des vergangenen Jahrhunderts betreffen. Wer derartige Digitalisierungsvorhaben begleitet, steht daher vor vergleichbaren Schwierigkeiten.
Der Umgang mit Erinnerungen und Wissensbeständen, mit Auswahlentscheidungen und Fragen der Zugänglichkeit wirft eigene Probleme auf, die für eine gelungene digitale Archivierung geklärt werden müssen. In der Fachdebatte vermissen wir bislang eine tiefergehende Auseinandersetzung mit der Frage, wie mit den persönlichen, sozialen und historischen Hintergründen solchen Sammlungsmaterials praktisch umzugehen ist.
Damit Digitalisierung keine „Daten ohne Gedächtnis“ schafft, braucht es konkrete Herangehensweisen. Entscheidend ist, bereits im Vorfeld soziale Dynamiken und Geschichten mitzudenken und Minimalanforderungen an Auswahl und inhaltliche Beschreibung zu formulieren. Wo ausgewählt, beschrieben und geteilt wird, treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Um den Wandel von „Material-Besitzenden“ hin zu „Archiv-Kuratierenden“ bewusst und verantwortungsvoll zu gestalten, sollten Prozesse des digitalen Erhalts als eigenständige ethnologische Dynamiken verstanden werden. Denn Digitalisierung ist nicht nur ein technischer Vorgang. Sie umfasst Aushandlungsprozesse, die neue Wissensordnungen im geteilten Archiv entstehen lassen. Darin liegt die Grundlage, um ethnografische Privatsammlungen nachhaltig, gemeinsam mit anderen und für andere Akteur:innen zu erschließen.
Anne Ebert ist Altamerikanistin und Kulturanthropologin mit Schwerpunkt auf Identitätsformationen im Andenraum und in Mexiko. Sie studierte Altamerikanistik und Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin, wo sie mit einer Untersuchung zu Indigenitätsnarrativen rund um das andin-amazonische Neujahrsfest in Bolivien promovierte.
Als freiberufliche Wissenschaftlerin arbeitet sie als Lektorin und Autorin und ist in der sozial- und kulturwissenschaftlichen Konzeptentwicklung und Projektdurchführung tätig. Zudem verfolgt sie eigene wissenschaftliche Projekte. So arbeitet sie beispielsweise mit Katharina Farys zu nachhaltigen Archivierungspraktiken zusammen. Ausgehend von Epistemologien des Erhalts und der Nachnutzung kulturellen Erbes loten sie dabei gemeinsam aus, wie ethnografische Daten (digital) gesichert und verfügbar gemacht werden können. Im Rahmen eines künstlerisch-wissenschaftlichen Projekts untersucht Anne Ebert außerdem derzeit die Familiengeschichte des Forschers Arthur Posnansky (1874-1946) zwischen Berlin und La Paz.
Katharina Farys ist Kulturanthropologin und Altamerikanistin mit den Schwerpunkten auf Mexiko, Mittelamerika und Südamerika. Sie studierte Ethnologie, Romanistik und Politikwissenschaft an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und promovierte an der Freien Universität Berlin mit einer Arbeit über räumliche und identitätsbezogene Narrative im mexikanischen Weltnatur- und Weltkulturerbeareal Calakmul.
Ihr akademischer Werdegang verbindet Forschung mit praktischer Projektarbeit: Als wissenschaftliche Mitarbeiterin lehrte sie u.a. an der Universität Bonn, war als am Projekt „Ethnologische Museumspraxis: Forschung, Vermittlung und Ausstellung im digitalen Zeitalter“ an der Georg-August-Universität Göttingen sowie an einem „Citizen Humanities- Projekt“ zu naturkulturellen Transformationen im Kontext des Klimawandels an der Universität Vechta tätig. Derzeit koordiniert sie in ihrer Funktion als Referentin im Forschungsdatenmanagement ein vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur gefördertes Projekt mit dem Titel „Einstein Your Data: Forschungskompetenz für Studierende“. Im Rahmen dieses Projekts werden Open Educational Resources (OER) zur Datenkompetenz für Studierende, Lehrende und wissenschaftliche Mitarbeiter:innen entwickelt mit dem Ziel, die Kompetenz im Umgang mit Forschungsdaten zu stärken und die nachhaltige Nutzung digitaler Ressourcen zu fördern.
Eine Mitgliedschaft im bfe bietet Ihnen Zugang zu einer starken beruflichen Plattform, die Vernetzung, Weiterbildung und berufspolitische Unterstützung ermöglicht. Der bfe setzt sich für die Anerkennung ethnologischer Kompetenzen und bessere Arbeitsbedingungen ein. Mitglieder profitieren desweiteren von exklusiven Angeboten wie einer persönlichen Webvisitenkarte, Fachveranstaltungen und kostenfreiem Museumseintritt im deutschsprachigen Raum.
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Von Oktober bis Dezember 2026 gibt es wieder sechs spannende Vorträge im Rahmen der bfe-Vortragsreihe "Erfassen - Vermitteln - Gestalten. Ethnologische Impulse verändern". Die Reihe präsentiert die vielfältigen Kompetenzen und Perspektiven der bfe-Mitglieder und findet digital statt. Melden Sie sich an!
bfe im Fokus - Artikel im Sociologus
Michael Schönhuth schreibt in der Fachzeitschrift Sociologus über den bfe: Vom Netzwerk für Freiberufler*innen zur Stimme aller, die anthropologisches Wissen leben und teilen. Der Artikel zeigt, wie der Verband Brücken zwischen akademischer und außerakademischer Ethnologie baut – und wohin der Dialog führen kann.
Sociologus 73(2023)1, 75-88
Leseempfehlung: Dialog der Welten von Dr. Kerstin Volker-Saad
Der Beitrag zum Tag der Provenienzforschung beleuchtet die Geschichte der ethnographischen Sammlungen der Friedenstein Stiftung Gotha, insbesondere Artefakte aus Indonesien. Durch kollaborative Provenienzforschung wird die Herkunft dieser Objekte untersucht, um ihre Biografien zu rekonstruieren. Dabei geht es um den Austausch zwischen lokalen Kulturbehörden und Wissenschaftlern, um verlorene Kontextinformationen zu gewinnen und ein gemeinsames Verständnis zu entwickeln.
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Wir freuen uns über eine neue Publikation: 2024 erschien der zweite Band der bfe-Reihe "Lebenswelten Erfassen - Vermitteln - Gestalten" über die Website des bfe.