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Commoning bfe. Eindrücke von der DGSKA-Tagung in Köln 29.9. bis 2.10.2025

Autor: Dr. Dirk Bustorf

 Dr. Anette Rein, Dr. Lisa Johnson und Dr. Dirk Bustorf (v. l. n. r.) auf der DGSKA 2025

 

„Ich hoffe, Du wirst nicht enttäuscht“, hatte mich vor der Tagung ein alter Hase der deutschen Museumsethnologie gewarnt. Auf diese Weise auf eine Desillusionierung eingestimmt, konnte es ja nur besser werden. Genau nach zehn Jahren, während derer ich aufgrund einer Vollzeitstelle in der Sozialwirtschaft die institutionalisierte akademische Ethnologie mehr oder weniger vernachlässigen musste, besuchte ich die DGSKA-Tagung Ende September für vier Tage in Köln. Die größte Überraschung war, wie vertraut mir alles vorkam, obwohl ich so unendlich viel verpasst hatte. Ethnologische Perspektiven und Wissen sowie eine feldforschungserprobte Haltung hatten mich in den letzten Jahren stetig getragen, und nun hoffte ich in Zeiten weltweiter Verwerfungen, multipler Krisen und Polarisierungsdynamiken (vgl. Grußwort zur Tagung), neue Inspiration und Orientierung zu erhalten. Der Tagungstitel „Un/Commoning Anthropology: Sozial- und Kulturanthropologie und die Frage, was – wem – gemein sein soll“ erschien mir hierfür sehr treffend und vielversprechend.

 

In den über 70 Workshops, den Sitzungen der AGs, in den Plenarveranstaltungen, in der Ausstellung „Out of Focus. Un/Commoning Curatorial Practices through Multimodal Engagements“ und nicht zuletzt beim Tagungsfest entfaltete sich das Kaleidoskop der rezenten Sozial- und Kulturanthropologie in Deutschland. Was geschieht gerade mit der großen wundervollen Allmende, von der es keine Zweite gibt und die wir uns mit allen Lebewesen teilen müssen? Was geschieht mit den planetarischen Ressourcen, was mit den sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen (Gemein-)Gütern? Was passiert mit den geistigen und sozialen Commons der Wissenschaft und Forschung? Beruhen sie nicht zum Teil auch auf Raub oder extraktivistischen Praxen? Zwischen brutaler Inbesitznahme oder rücksichtsloser Enteignung und neuen Solidargemeinschaften, Nachhaltigkeit und neuen Gerechtigkeiten (Klimagerechtigkeit, Tierrechte, Rechte für Berge und Flüsse), zwischen Uncommoning und Commoning gibt es alle Schattierungen, und teilweise sind sie wie die zwei Seiten einer Medaille. Die Webseite der DGSKA und der angegliederte Boas Blog bieten auch nach der Konferenz einiges an Material, um ihre Inhalte nachzuvollziehen. Videoaufzeichnungen einiger Plenary Sessions geben einen guten Einstieg in die Un/Commoning-Perspektive, die in Köln durchdekliniert wurde.

 

Gemeinsam mit der 1. Vorsitzenden des bfe, Anette Rein, war es meine Mission, mit möglichst vielen Teilnehmenden der Tagung über die Arbeit des bfe zu sprechen, auf unsere Angebote aufmerksam zu machen und mit einem Flyer für die diesjährige Ausgabe unserer Online-Vortragsreihe „Erfassen – Vermitteln - Gestalten“ zu werben. Mit anderen Worten ging es darum, das Wissen über die Existenz und die Aktivitäten des bfe unter den Teilnehmenden zum Gemeingut zu machen und möglichst neue Mitglieder zu werben. In einem eigenen „Workshop“ während der Mittagspause hatten wir die Gelegenheit, die Arbeit des bfe eingehend vorzustellen. Während Anette Rein in ihrem Beitrag die Geschichte, das Selbstverständnis und die Aktivitäten des bfe darstellte, berichtete ich, welchen jeweils unterschiedlichen Nutzen mir meine Mitgliedschaft im Bundesverband an verschiedenen beruflichen Stationen gebracht hatte. Insgesamt war mein Eindruck, dass das Wissen über den bfe einer großen Zahl – wenn nicht den meisten – Teilnehmenden der Tagung bereits gemein ist. Viele kannten auch bereits die Vortragsreihe und zentrale Mitglieder aus eigenem Erleben.

 

Bei den jüngeren Kolleg*innen rannte ich offene Türen ein, sobald ich daran erinnerte, dass die wenigsten je eine feste Stelle als Ethnolog*innen bekommen würden. Interesse weckte die Möglichkeit, über die Vermittlung durch den Bundesverband von dem enormen Schatz der akademischen und außerakademischen Berufs- und Lebenserfahrungen unserer Mitglieder zu profitieren und sich mit ihnen frei und ohne akademische Erfolgszwänge auszutauschen. Dennoch scheint mir, dass eher wenige von ihnen tatsächlich in den Verband eintreten werden, da die Faszination einer Karriere in der Wissenschaft trotz ihrer prekären Realität einfach zu übermächtig ist und die ganze Aufmerksamkeit absorbiert bis zu dem Punkt, wo ein Wechsel hin zu einer außerakademischen Laufbahn tatsächlich nicht mehr vorstellbar ist. 

 

Der bfe war mit fast einem Dutzend Mitgliedern auf der Tagung vertreten. Angesichts der fast 700 Teilnehmenden mag dies wenig erscheinen, aber bei einer Größe von gerade mal 80 Mitgliedern war ein respektabler Prozentsatz des Verbands präsent. Man muss hier auch bedenken, dass die wenigsten freiberuflich tätigen oder außerakademisch angestellten Mitglieder die Zeit für eine solche Konferenz haben werden. Die Tagung bot Anette Rein und mir die schöne Möglichkeit, einige unserer Mitglieder persönlich zu treffen, siehe Foto mit Dr. Lisa Johnson. Da ich viele bisher nur online kennengelernt hatte, war es für mich ein besonderes Highlight, schon bei der ersten Begegnung zu spüren, wie sehr wir durch die Commons des bfe verbunden sind.

 

Die Verbindung des bfe zur DGSKA hingegen ist nach meinem Eindruck vor allem durch die persönlichen Netzwerkverbindungen unter den Mitgliedern beider Verbände und wenigen Doppelmitgliedschaften (mit sinkender Tendenz) geprägt. Die beiden Verbände unterhalten keine institutionalisierten Beziehungen zueinander und bei allem gegenseitigen Wohlwollen, gibt es sicher bei einigen eine gewisse Ambivalenz hinsichtlich des jeweils anderen Verbands (zum Verhältnis der beiden Verbände siehe auch: Schönhuth, 2023). Eine interessante Formulierung findet sich auf der aktuellen Website der DGSKA, wo es heißt, sie sei die „Fachvereinigung von Ethnologinnen und Ethnologen und an der Ethnologie interessierten Personen und Institutionen“. Vielleicht erinnert mich diese Offenheit nicht nur zufällig an die Offenheit des bfe gegenüber „…alle[n] Personen, die sich einem ethnologischen Erkenntnisinteresse verbunden fühlen…“ (www.bundesverband-ethnologie.de). Ein Fach, welches etwas auf sich hält, kommt wohl selten mit nur einem Verband aus, und die Commons des Faches sind sicher besser geschützt, wenn sie sich etwas verteilen und auch im Außerakademischen ein – wenn auch bisher dünnes – Standbein haben.

 

Meine These ist, dass dieses Standbein eigentlich viel stärker sein müsste. Dies nicht nur, weil die große Mehrheit aller, die je eine ethnologische Ausbildung erhalten haben, nicht direkt und schon gar nicht dauerhaft im akademischen Bereich arbeitet und daher in der akademisch ausgerichteten DGSKA allenfalls die Rolle von Randfiguren einnehmen könnte. Vielmehr erscheint es mir dringender denn je, dass die deutsche Ethnologie/Sozial- und Kulturanthropologie sich breiter und tiefer in die hiesige Gesellschaft hinein aufstellen muss, um sich nicht nur zu behaupten, sondern auch eine Rolle einnehmen zu können, die ihrer tatsächlichen Relevanz im Anthropozän entspricht. 

 

Trotz dieser sehr gut organisierten Tagung mit einer beeindruckenden Zahl von Beiträgen höchster Qualität scheint mir die deutsche Ethnologie/Sozial- und Kulturanthropologie gerade nicht vor Kraft zu strotzen, sondern vielmehr verunsichert oder beunruhigt, gar defensiv und verletzt in ihrem Stolz. Damit meine ich nicht die gesteigerte Demut, die sich im Zuge des Decolonizing hoffentlich entwickelt hat, auch nicht den ewigen ethnologischen Hang zur Selbstreflexion. Beide gehören zum schützenswerten Gemeingut, auch wenn Erstere nicht immer echt ist und Letztere zur Lähmung führen kann.

Die Gründe für die Verunsicherung sind teilweise allen Künsten gemein, teilweise speziell für unser Fach. Als Themen waren sie als Hintergrund der Tagung und teilweise in den Plenarsitzungen präsent (in willkürlicher Reihenfolge):

  1. Die Anstellungssituation und Berufsperspektive vieler auf eine akademische Karriere fixierter Sozial- und Kulturanthropolog*innen ist andauernd und prekär (IchBinHanna#). Die Ausbeutungslogik ist hier so verinnerlicht, dass sie das System fast geräuschlos trägt. Aber sie führt nicht nur zur Selbstausbeutung, sondern befördert auch den Extraktivismus gegenüber den Forschungspartner*innen.
  2. Viele ursprünglich durch die Ethnologie entwickelte Ideen, Konzepte und Perspektiven sind im Laufe ihrer Geschichte in breitere gesellschaftliche Diskurse eingegangen, ohne das immer auf ihren ethnologischen Entstehenszusammenhang Bezug genommen wird (z.B. Gender, Postkolonialismus u.v.a.m.)
  3. Ethnologie ist gemeinhin unbequem und sperrig. Die wenigsten Ethnolog*innen haben gelernt, wie man die durch die ethnologische Perspektive hervorgerufene Verkomplizierung und Ambivalenz überzeugend als Vorteil verkauft bzw. wie man komplizierte Zusammenhänge zielkultursensibel vereinfacht.
  4. Inflation und Verflachung des „Wissens“ durch digitales Commoning (Internet, soziale Medien, KI) und die dadurch bedingte Vernebelung der Wissensproduktion, ihrer Stätten sowie Akteur*innen. Dadurch sinkt der tatsächliche Einfluss des Fachs, obwohl die Themen und Begriffe der Ethnologie eigentlich überall präsent sind.
  5. Angriffe auf die Wissenschaftsfreiheit aufgrund einer verengten Auslegung „deutscher Staatsräson*" sowie interne Spaltung aufgrund mangelnder Ambiguitätstoleranz in Hinblick auf Gaza. 
  6. Erstarken wissenschaftsfeindlicher, weltanschaulicher Minderheiten (Querdenker*innen, Abtreibungsgegner*innen, „Gender“-Gegner*innen etc.) und Kulturkämpfer*innen auch in der populistischen „Mitte“.
  7. Ein sich weltweit vernetzender und finanzstarker Faschismus und Autoritarismus mit seinen Vorfeldgruppierungen (siehe 6.) fordert angesichts von dystopischen Fantasien den Humanismus heraus und rührt so direkt am Fundament der Sozial- und Kulturanthropologie.
  8. Remilitarisierung, Krisenorientierung der Politik und entsprechende Neupriorisierung der Finanzen bzw. des Sparzwangs.

Diese Liste kann ergänzt werden, aber sie macht schon jetzt deutlich, dass es genug verständliche Gründe für eine Verunsicherung und Beunruhigung gibt. Wie sehr heute die Ethnologie um ihren Bestand bangt, wurde in der defensiven Grundstimmung der Plenarsitzung „Academic Freedom in Times of Crisis“ am letzten Konferenztag deutlich. Ein Podiumsteilnehmer beklagte, dass die akademische Freiheit vor allem durch die „Mittelmäßigen“ bedroht würde, die es in der Forschung nie zu etwas gebracht hätten und nun andere daran hindern wollten, „in Ruhe zu forschen“. Anderen reichte die Hoffnung, dass inmitten zunehmend autoritärer Strukturen „Inseln der [akademischen] Freiheit“ verteidigt werden könnten. Ich stelle das hier sehr verkürzt dar, aber der Erhalt von „Universitäten als Diskussions- und Begegnungsräume, in denen Menschen aller Zugehörigkeiten angstfrei und friedlich zusammenleben“ (Grußwort zur Tagung) kann wohl nur dann gelingen, wenn sie von einer Gesellschaft getragen werden, welche ebenfalls einen solchen Raum darstellt.

 

Es lohnt sich darum zu kämpfen, dass sich solche Inseln halten können, aber hier ist mehr gefragt. Bisher verlassen Ethnolog*innen ihre eigene Perspektive vor allem zugunsten der Perspektiven „fremder“ Kulturen, um sich dann nach gewisser Zeit dort wirklich einigermaßen auszukennen. Der Rest der Kraft geht in die Absicherung der Finanzierung und der akademischen Meriten. Um die Sozial- und Kulturanthropologie jedoch vor den heutigen destruktiven Kräften zu schützen und wieder in die Vorhand zu kommen, muss das Umfeld um und das Vorfeld zum Fach gestärkt und verbreitert werden. Statt sich hinter die Mauern der Universitäten zu verkriechen, um „in Ruhe forschen“ zu können, muss ein wenig davon geopfert werden, um neugierig und offen wie Feldforschende in diese Gesellschaft hineinzugehen und vernehmlicher an gesellschaftlichen Diskursen teilzunehmen. Für dieses Unterfangen kann der bfe ein kleiner, jedoch sehr qualifizierter Partner sein, dem die ganze Bandbreite der Ethnologie und ethnologischer Lebenserfahrungen Gemeingut ist. Eine Fortsetzung folgt nach der nächsten DGSKA-Tagung in Hamburg.

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*Eine verengte Auslegung von Staatsräson liegt beispielsweise dann vor, wenn die Politik der Regierung Netanjahu mit dem Staat Israel gleichgesetzt wird und daraus der Anspruch abgeleitet wird, sämtliche Regierungsvorgaben grundsätzlich unterstützen zu müssen.

 


 

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